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Gunnar Kaiser auf KaiserTV


Mar 18, 2021

Gesellschaftliche Phänomene sind nicht „gottgegeben“ oder „einfach da“. Sie werden vielmehr von uns Individuen in dieser Gesellschaft konstruiert und gewinnen durch menschliches Handeln ihre Gestalt und letztendlich den Status von objektiver Wirklichkeit. Auf diese Weise lässt sich auch Krankheit als soziales Konstrukt verstehen, als gesellschaftlich produziertes Wissen. Konstrukteur dieses Wissens ist jedoch nicht die Gesellschaft als Ganzes, sondern einzig und allein die medizinische Gemeinschaft, die sich dem Vorrecht über Definition und Klassifikation von Krankheit bemächtigt hat. Was sagt die Art und Weise, wie wir mit Gesundheit und Krankheit umgehen, über unsere gesellschaftlichen Denkweisen aus? Welche Krankheiten wir anerkennen, welche wegfallen und welche neu erfunden werden, gibt Aufschluss über die Hierarchie der Werte innerhalb einer Kultur. Doch Krankheiten können auch als Alibi für die Inkompetenz einzelner Systeme fungieren - Schuldzuweisungen, die die Unfähigkeit des Systems, eine förderliche und menschenfreundliche Struktur anzubieten, verschleiern. Und in der Ausweitung des klinischen Krankheitsbegriffs auf die ganze Gesellschaft und das ganze Leben, das damit zum Vollzeit-Open-Air-Krankenhaus wird, sieht man die Übermacht von Verwaltung, Überwachung, Kontrolle und Sanktionierung, mit denen in einer medikalisierten Gesellschaft Macht ausgeübt wird. Dieser Beitrag ist ein Prolog – eine Einführung in den Themenkomplex der Krankheit (der Gesellschaft), in das Werk von Ivan Illich, die Medikalisierung des Lebens, die Enteignung der Gesundheit und die fatale Rolle der Ärzteschaft in dieser klinischen Misere, in der wir uns befinden.